Der allererste Jumbo-Flieger

Grossraumflugzeuge haben Fernreisen erschwinglich gemacht. Erster Vorläufer war das Flugschiff Do X, das am Bodensee gebaut wurde und dort jetzt auch Thema im Dornier-Museum ist.

Was der Airbus A380 letztes Jahr war, das war die Do X vor 80 Jahren: ein spektakuläres Riesenflugzeug, das Tausende von Schaulustigen anlockte, allerdings nicht in Kloten, sondern 1932 auf dem Zürichsee. In den Zwanziger- und Dreissigerjahren waren viele Flughäfen wirklich noch Häfen. Seit die Brüder Wright 1903 das erste Motorflugzeug zum Fliegen gebracht hatten, waren damals noch keine drei Jahrzehnte vergangen und Flugplätze keine Selbstverständlichkeit.

Umso erstaunlicher war das Riesenflugboot des deutschen Konstrukteurs Claude Dornier, die legendär gewordene Do X. Die Maschine hatte eine Flügelspannweite von 48 Metern (ein heutiger Boeing-Jumbojet misst 60 Meter), wurde von zwölf Motoren angetrieben und konnte neben 14 Besatzungsmitgliedern 66 Passagiere aufnehmen, damals unglaublich. Noch unglaublicher war ein Rekordflug, bei dem 1929 am Bodensee 10 Besatzungsmitglieder, 150 Testpersonen und 9 blinde Passagiere in die Luft gingen, 169 Menschen insgesamt.

Kein erfolgreicher Start

Claude Dornier, zunächst Ingenieur bei Graf Zeppelin, später selber Unternehmer, sah die Zukunft des Luftverkehrs nicht bei den Luftschiffen. Er entwarf Flugzeuge, deren Schiffsrumpf auch Landungen in unerschlossenen Gebieten erlaubte. Das war interessant für die Bedienung der Kolonien – auch französische und englische Flugzeughersteller bauten solche Typen –, zudem wichtig für Langstreckenrouten, die nicht ohne Tankstopps möglich waren. Damit das Flugschiff konkurrenzfähig zu Schiff und Luftschiff blieb, musste es viele Passagiere fassen – ein Prinzip, das sich im Tourismus bis heute erhalten hat.

Die riesige Do X war ein technisches Meisterwerk und – entgegen der Annahme von Kritikern – tatsächlich flugfähig. Ein Erfolg war sie dennoch nicht. Ein Flug über zahlreiche Etappen bis nach New York, wo Claude Dornier auf Geschäfte mit amerikanischen Partnern hoffte, verlief mit Pannen in Serie. Es folgten die Krisenjahre, während denen Dorniers Fabrik fast bankrott ging, dann die Kriegszeit, in der alle Flugzeugwerke nicht mehr Bestellungen, sondern Befehle erhielten.

Dokumente, Bilder, Filme

Dahin waren die Marktchancen endgültig, als nach dem Krieg die nächste Generation von Flugzeugen den Himmel beherrschte, die Constellation oder die DC-3. In den Fünfzigerjahren wurden die ersten grossen Jets mit um die 200 Plätzen in Betrieb genommen, die Boeing 707 und die DC-8. Damit ging der Boom des Luftverkehrs los, der im Megajet A380 gipfelte. Die grossen Flugschiffe verschwanden, ihre kleineren Verwandten, die Flugboote und Wasserflugzeuge, besetzen seither nur noch Marktnischen.

Von der Do X ist keines der drei gebauten Exemplare erhalten geblieben. Dasjenige der Lufthansa wurde im Krieg zerstört, die beiden nach Italien gelieferten Schwesterausführungen wurden dort ganz einfach abgewrackt. Geblieben sind von dem Flieger, der seiner Zeit ein ganzes Stück voraus war, Dokumente, Bilder, Filme und Einzelteile wie etwa das noble Bordporzellan. Darum herum hat das Dornier-Museum in Friedrichshafen nun eine kleine Sonderausstellung gestaltet. Sie erinnert an die genialen Ingenieure und an die hoch qualifizierten Handwerker jener hoffnungsvollen Epoche und schlägt den Bogen zum heutigen Transatlantikverkehr. Der Besuch des Dornier-Museums beim Flughafen Friedrichshafen lohnt sich aber nicht nur für die Fans der historischen Do X. In einem mit moderner Ausstellungstechnik ausgestatteten Gebäude, das architektonisch einem Flugzeughangar nachempfunden ist, sind seit zwei Jahren die Zeugnisse der Epoche Dornier zu sehen. Der Flugzeugbauer hatte mit seinen Unternehmen die ganze Region geprägt.

In Friedrichshafen und an anderen Standorten stellte Dornier neben Flugzeugen unter anderem Webmaschinen her, sein Stosswellengerät für die Zertrümmerung von Nierensteinen wurde weltberühmt, für viele Raumfahrtunternehmungen lieferte die Firma Präzisionsgeräte, auch bei der Entwicklung von Drohnen oder von senkrecht startenden Flugzeugen waren die Dornier-Ingenieure stets dabei. Das Museum zeigt neben einem Dutzend Originalflugzeugen einen Querschnitt durch dieses ganze Hightechsortiment. Als Nachbau zu sehen ist eine Merkur. Mit einem Flugzeug dieses Typs war der spätere Swissair-Direktor Walter Mittelholzer 1927 als Erster durch ganz Afrika, von Zürich nach Kapstadt, geflogen.

Nur der Name blieb übrig

Der Dornier-Konzern hat das Schicksal vieler Familienunternehmen erlitten, die an eine Familiensaga geknüpft sind: Nach dem Tod von Claude Dornier zerstritten sich die Erben so gründlich, dass die Firma verkauft wurde. Die neuen Besitzer reorganisierten, bauten um und stiessen ab, bis nichts mehr übrig war als der Name –und eine reich gewordene Familie Dornier. Silvius Dornier, einer der Söhne des Gründers, hat mit Engagement und Geld das Museum gegründet, damit all die Pionierleistungen nicht vergessen gehen. Kombiniert mit dem Besuch des Zeppelin-Museums eignet sich das Dornier-Museum ideal für einen Tagesausflug.

Dornier-Museum, beim Flughafen Friedrichshafen. Öffnungszeiten im Sommer täglich 10 bis 18 Uhr. Anreise mit dem öffentlichen Verkehr via Fähre RomanshornFriedrichshafen, dann Bus oder Bahn (kein schlanker Anschluss) oder mit dem Taxi (ca. 12 Euro).

www.dorniermuseum.de

Zeppelin-Museum, beim Fährhafen Friedrichshafen. Öffnungszeiten im Sommer täglich 9 bis 17 Uhr.

www.zeppelin-museum.de

 

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